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aus: Wirtschafts- und Informationsdienst für die Saar-Lor-Lux Region Ausgabe 02-02/2008 v. 29.02.2008

Bildung als Mittel oder als Schlüssel?!
von Marion Bredebusch

Vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen: In vielen wirtschaftlichen Kongressen wird immer wieder die Wichtigkeit der Bildung hervorgehoben, häufig in Zusammenhang mit einem Standortvorteil. Das Thema Bildung wird vor allem immer wieder dann angesprochen, wenn es darum geht, Menschen für die zukunftsträchtigen Technologien fit zu machen. Von allen diesen Tagungen gehe ich immer mit einem unguten Gefühl und denke, da fehlt noch was, da passt was nicht.

Was nicht passt ist klar. Bildung wird zwar endlich ein großer Stellenwert zugeschrieben, aber oft nur als Mittel zum Zweck. Die Menschen sollen so an die Arbeitswelt mit der Hilfe von guter Bildung angepasst werden, dass ein größtmöglicher Profit erwirtschaftet werden kann, Ruhm und Preise für herausragende Leistungen und innovative Ideen mit ins Saarland gebracht werden können. Doch Bildung ist nicht das, was die Menschen in die Ziele des gesellschaftlichen Bedarfs einpasst.

Und was fehlt liegt auch auf der Hand: Ist es doch die Bildung an sich, die in Zeiten des Umbruchs und der immer härter werdenden Arbeitsbedingungen nicht nur für Fortschritte und Innovationen so wichtig ist, sondern auch vor allem für die Menschen selber, und zwar auf allen Ebenen der Betriebe. Davon profitieren dann natürlich die Unternehmen selber auch:

  • Denn wenn ich Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auch in den scheinbar weichen Themen qualifiziere, dann dauern Sitzungen nicht so lange, dann können sie sich in Konfliktfällen oft selber helfen, dann helfen sie mir als Chefin durch nachfragen, die Prioritäten selbst zu bestimmen statt unter der Last als Aufgaben nicht zu wissen, wo sie anfangen sollen.
  • Wenn ich Führungskräfte nicht nur technologisch sondern umfassend weiterbilde, dann führt das zu einer gelungenen Teamkultur, dann sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zufriedener, dann entstehen weniger Missverständnisse, dann kann ich klare Entscheidungen treffen, dann weiß ich, dass Druck auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur zu Gegendruck und nicht zu mehr Motivation führt und führe situativ.

Immer mehr Unternehmen erkennen diese Vorteile, und blicken auch noch weiter: Sie merken, dass sie nichts davon haben, wenn sie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter qualifizieren und ausbilden und diese schuften und ackern und mit 45 Jahren an einem Herzinfarkt sterben oder ausgebrannt sind. Sie erkennen, dass die Themen Balance und Gesundheitsförderung Themen in der Weiterbildung sind, die in diesen Zeiten von Bedeutung sind und langfristig gesehen zu mehr Zufriedenheit und damit auch zu mehr Leistung führen.

Gerade auch für diese Bereiche ist Bildung wichtig, ohne qualifizierte Ausbildung, gezielte Personalentwicklung und optimale Weiterbildung komme ich nicht zu Unternehmenskulturen, in denen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Mittelpunkt stehen und nicht nur die Produkte und Innovationen. Lee Iacocca, US-amerikanischer Manager aus der Automobilindustrie (*1924) hat es treffend formuliert:

"Der Schlüssel zum Erfolg sind nicht Informationen.
Es sind Menschen."

Wenn ich meine Bildung auf sie ausrichte und auch von einem Prozess des lebenslangen Lernens ausgehe, dann kann ich erst richtig innovativ sein, so meine These.

Dabei muss ich von einem Bildungsbegriff ausgehen, wonach Bildung weit mehr ist als die Aneignung von Wissen: Vielmehr ist Bildung die grundlegende Fähigkeit, selbstständig verstehen, glauben und entscheiden zu können.
Dies entspricht dem Humboldtschen Bildungsbegriff als Antwort darauf, wie menschliche Ordnung aufrechterhalten werden kann. Humboldts auch heute noch passende Antwort lautet:
"Nur indem der Mensch als Individuum zu sich selbst findet."

Die Grundlagen zum selbständigen Lernen und Weiterlernen werden in der ersten Bildungsphase gelegt. Sie müssen ein Leben lang gefördert und aufrecht erhalten werden, denn sie sind die Voraussetzung für die Verwirklichung von Lebenschancen.
Der internationale Vergleich zeigt, dass Deutschland hier noch erheblichen Nachholbedarf hat: Die Schere zwischen der Spitzengruppe von Hochqualifizierten und den schulisch und beruflich ungenügend Ausgebildeten geht immer weiter auseinander. Die Zahl der Hochqualifizierten wächst - doch die Zahl der Unqualifizierten gleichfalls.
Die Qualität der Lehre an Schulen und Hochschulen ist im OECD Vergleich bestenfalls mittelmäßig. Es wird in Deutschland, obwohl Wissen und Können unsere wichtigsten Ressourcen sind, zu wenig Geld in Bildung investiert.
Vor allem aber hängt in kaum einem anderen Land der Bildungserfolg von Kindern so stark von ihrer sozialen Herkunft ab. So hat das Kind eines Beamten eine dreimal höhere Chance auf das Gymnasium zu kommen als das Kind einer Arbeiterin.
Das Potential aller Menschen zu fördern ist eine Aufgabe höchster Priorität. Natürlich weiß ich, dass wir auch in Zukunft einen Teil an Menschen haben werden, die hier hinausfallen - aber diesen Teil möglichst gering zu halten ist eine besondere Herausforderung: Ein erster wichtiger Schritt wäre z.B. schon das dritte Kindergartenjahr verpflichtend zu machen und so bildungsferneren Kindern zu ermöglichen, wenigstens bei Schuleintritt die deutsche Sprache zu beherrschen und/oder Strukturen, Regeln und Werte kennengelernt haben. Auch Ganztagsschulen haben hier eine nicht zu unterschätzende Bedeutung.
Bildungsförderung von früh an ist somit auch eine präventive Beschäftigungsförderung, da dafür gesorgt wird, dass möglichst viele Menschen am Arbeitsprozess teilhaben können.

Wie können wir Bildung besser machen? Früher und länger gemeinsam lernen. Den einzelnen Menschen fördern und stärken. Bildungs- und Qualifizierungsberatung auf individueller und betrieblicher Ebene ausbauen. Unternehmen verdeutlichen, wie sehr sie von der Weiterbildung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren. Mehr ins lebenslange Lernen investieren.
Bildung als Schlüsselsektor erkennen und (unternehmens-)politisch entsprechend gestalten. Sie werden sehen, es lohnt sich. Und erst dann kann Bildung auch als Mittel gesehen werden, wie es auch schon Benjamin Franklin erkannte (1706-1790):
"Eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen."

 

 

 

 

 

 

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