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Die Frau, der Heike Jensen* heute richtig dankbar ist, verhielt sich wie
eine Gegenspielerin in einem amerikanischen Film: eine Mega-Zicke. "Meine
Teamleiterin putzte mich dauernd herunter und schanzte mir langweilige Aufgaben
zu", erinnert sich Heike Jensen an ihren Job in einer Agentur für Lasershows.
"Lass mich mal mit dem Kunden verhandeln", sagte die Vorgesetzte zum Beispiel,
"du bist ja nur Bürokauffrau und hast nicht studiert. Räum lieber die Spülmaschine
aus!" Oder: "Kein Wunder, dass du mit unseren Lagerarbeitern gut klarkommst, die
mögen eben Blondinen." Oder auch einfach: "Dein Akquise-Schreiben ist scheiße."
Für Heike Jensen war das alles nur gut. Denn sie erkannte: Ihre Gegenspielerin
hat Angst vor Konkurrenz. "Meine Chefin sah mich als Rivalin", sagt Heike Jensen,
"und dadurch kapierte ich plötzlich, dass ich gut genug war für einen
anspruchsvolleren Job."
Weil im Laufe der Zeit immer deutlicher wurde, dass Heike Jensen besser mit
Kunden umgehen konnte und mehr Ahnung von Logistik hatte. Als in einer anderen
Firma eine Teamleiterstelle frei wurde, bewarb sie sich - und wurde genommen.
"Das hätte ich mir sonst nicht zugetraut. Die Rivalität hat mein Selbstvertrauen
gestärkt." Konkurrenz kann uns zu besonderen Leistungen antreiben; uns zeigen,
wer wir sind und wohin wir wollen. Mit diesen Eigenschaften wäre die Konkurrenz
eigentlich eine tolle Karrieretrainerin - zumal sie, anders als tatsächliche
Job-Coaches, kein Honorar fordert. Doch nur wenige von uns sehen die guten Seiten
dieser Trainerin, sobald sie zwischen uns und einer anderen Frau auftaucht. Die
Konkurrenz ist uns unsympathisch. Wir wissen nicht, wie wir mir ihr umgehen sollen,
reagieren ablehnend, reden sie klein oder verteufeln sie. Dabei können wir mit einer
Rivalin ganz gut klarkommen - wenn wir von vornherein besser wüssten, wie. Stattdessen
empfinden wir Konkurrenz als bedrohlich. Auf den ersten Blick ist sie das ja auch.
Das liegt zum Beispiel an Geschichten wie der von Katja Willmers*. Die Betriebswirtin
hatte sich auf eine Abteilungsleiter-Stelle in ihrer Firma beworben. Genau wie ihre
Kollegin. Dann wurde die Entscheidung, wer den Job nun bekam, Monat für Monat
aufgeschoben. Das Verhältnis der beiden Kolleginnen wurde immer komplizierter.
"Und plötzlich erzählte meine Kollegin überall, dass ich unseren Boss angraben
würde." Einmal versteckte die Rivalin sogar wichtige Dokumente, die Katja Willmers
für ihre Arbeit wirklich brauchte, wochenlang in der Schreibtischschublade,
'tschuldigung, kann man ja mal vergessen. "Dafür vergaß die verdammte Hexe nie,
mich zu kritisieren, wenn der Chef in der Nähe stand", sagt Katja Willmers. Sie
waren mehr als nur Rivalinnen. Die Atmosphäre zwischen ihnen war eisig.
Erst war sie nur eine Konkurrentin. Jetzt führt sie Krieg
Sie waren Feindinnen. Das bemerkten irgendwann auch die Entscheider in der
Firmenleitung. Sie beschlossen am Ende, einen Mann zu nehmen. Die Geschichte
von Katja Willmers ist kein Einzelfall. Im Gegenteil: "Wenn Frauen miteinander
konkurrieren, geht es oft destruktiv zu", sagt Marion Bredebusch, Leiterin des
Instituts für Gender, Moderation & Kommunikation: "Und sie handeln dabei eher
indirekt und subtil." Irgendwie hintenherum. Und noch dazu ohne Rücksicht auf
Verluste, wie eine Studie der Berliner Beratungsagentur Konnekt zeigt: Darin
gaben 77 Prozent der befragten Arbeitgeber an, sie hätten durch Rivalität unter
Frauen schon Aufträge oder Kunden verloren.
Ja, wie sollen wir sie denn da mögen, die Konkurrenz? Ist es da nicht besser,
das Thema so gut es geht totzuschweigen? Nein, das nützt wenig: Wer richtig Karriere
machen will, wird sich kaum allein mit Friedensliedern und versöhnlichem Geduze
in eine Führungsposition hochträllern können. Und auch, wer weniger ehrgeizig ist,
kommt um das Thema nicht herum: Der Druck auf dem Arbeitsmarkt wächst und damit
die Konkurrenz für jede. Da hilft nur die Flucht in die Analyse, sich zu fragen:
Warum läuft die Sache momentan eigentlich so destruktiv ab, wenn Frauen miteinander
rivalisieren? Geht das nicht auch anders?
Dabei entscheidet der erste Eindruck - innerhalb von höchstens zehn Sekunden
entsteht Rollenvorstellungen, mit denen wir aufgewachsen sind, tragen dazu bei,
dass ein besserer Umgang untereinander nicht immer leicht ist: Frauen lieben
Harmonie. Frauen kümmern sich um andere. "Diese Ansichten bestehen unter anderem,
weil wir Kinder kriegen und mehr auf Beziehungspflege ausgerichtet sein müssen",
sagt Dr. Christine Altstötter-Gleich vom Lehrstuhl für Psychologie an der Uni
Landau. "Wer so erzogen wurde, hat später in Konkurrenzsituationen Probleme:
Man möchte einerseits Harmonie wahren, wie man es gelernt hat - und sich
andererseits gegen die Rivalin durchsetzen." Verstärkt wird dieser innere Konflikt
oft durch Solidaritätsgedanken: Mit einer anderen Frau konkurrieren - darf man
das denn überhaupt? Ist das nicht kontraproduktiv? Wir müssen doch zusammenhalten
gegen die Männer, die jede Karriereleiter hinaufsprinten wie überzüchtete
Wetterfrösche! Hin und her gerissen behandeln wir eine Rivalin schließlich
vordergründig korrekt - und versuchen hintenherum, die eigenen Wünsche durchzudrücken.
Erbitterter wird die Rivalität noch, weil wir eine Niederlage gegen eine Frau
meist persönlich nehmen, während wir sie bei einem Mann auf sein Geschlecht schieben
können. Manche Frauen besitzen außerdem das Selbstvertrauen eines Rehkitzes und machen
dann andere nieder, um sich selbst aufzuwerten.
Rivalität unter Frauen? Kann richtig konstruktiv sein!
Und leider ist einem selbst nicht bewusst, dass man sich schräg verhält: Für
"die verdammte Hexe" etwa, die Rivalin von Katja Willmers, sah die Situation eigentlich
selbst ziemlich verhext aus. "Seit wir uns beide auf den gleichen Job beworben hatten",
sagt sie, "behandelte Katja mich wie Luft. Und dazu erzählte sie noch überall, ich
würde gegen sie intrigieren!" Obwohl das nicht stimmt. Erklärungen gibt es also viele
für das, was gern als "Zickenkrieg" bespöttelt wird. Aber wie kann man nun herausfinden
aus diesem Psycho-Labyrinth? Das fragte sich auch Hannah Ehlen*. Schon eine Weile hatte
die Architektin einem Kunden Vorschläge gemacht, wie man sein Firmengelände in Büros
und Privatwohnungen umwandeln könne: "Das Projekt war nicht ausgeschrieben, ich war
selbst auf ihn zugegangen. Nur ich und meine Mitarbeiter wussten davon." Dann machte
sich eine von Hannah Ehlens Angestellten selbständig. Und reichte beim Bauherrn plötzlich
einen eigenen, sehr ähnlichen Entwurf ein. "Sie hatte mein Vertrauen missbraucht und
meine Idee geklaut. Ich war traurig. Und sehr, sehr ratlos."
Denn Hannah Ehlen wollte nicht streiten mit einer Frau, die sie bisher gemocht,
ja sogar gefördert hatte. Stattdessen haderte sie lieber. Grübelte lange Zeit, wie
die Rivalin wohl weiter vorgehen würde. "Bis ich irgendwann begriff, dass ich raus
musste aus meiner Lauerstellung." Sie überarbeitete ihren eigenen Entwurf noch mal,
plante ein gemeinsames Sportzentrum für Anwohner und Büroangestellte ein. Und erhielt
am Ende den Zuschlag für den Auftrag. "Ich habe aus der Sache gelernt, dass ich
ehrlich zu mir selbst sein muss. Man kann erst dann offen handeln, wenn man sich
eingesteht: Rivalität unter Frauen existiert. Und das ist okay."
Es kann sogar mehr als okay sein. Gut. Konstruktiv. Einfach der richtige Weg:
"Ohne Konkurrenz hätte ich garantiert nicht noch mal an meinem Entwurf herumgetüftelt",
sagt Hannah Ehlen. "So, wie er jetzt ist, gefällt er mir selbst viel besser."
Was hat sie mir voraus?
Um andere zu übertrumpfen, steigert man oft die eigene Leistung. Oder
qualifiziert sich weiter, lernt eine neue Fremdsprache. In seinem Buch "Rivalität
- und wie man richtig damit umgeht" (Beck, 9,90 Euro) schildert der Psychologe
Kurt Theodor Oehler noch andere positive Effekte: Eine Konkurrentin zeigt einem
die eigenen Stärken und Grenzen, Fähigkeiten und Defizite - man merkt vielleicht,
dass man kreativer ist als sie, dafür aber nicht so gut mit Zeitdruck klarkommt.
Und kann daran arbeiten.
Mitunter entdecken wir durch sie neue Ziele. Vorgesetzte erkennen auch daran,
dass jemand rivalisiert, dass er reif für höhere Aufgaben ist und gefördert werden
sollte. "Und wenn man unterliegt, kann die Konkurrentin als Vorbild dienen", sagt
Marion Bredebusch vom Institut für Gender, Moderation & Kommunikation. "Man sollte
sich dann fragen: Was kann ich von ihr lernen, damit es nächstes Mal klappt? Hat sie
mir fachlich etwas voraus? Ein besseres Netzwerk?" Man kann der Rivalität bei näherem
Hinsehen also etliche gute Seiten abgewinnen. Allerdings: Wenn die Konkurrentin nicht
aufhört zu intrigieren, dann nützt die eigene positive Haltung ungefähr so viel wie
gute Laune auf der Titanic.
"Hier hilft nur, innerlich Distanz zu gewinnen", sagt die Sprachwissenschaftlerin
Dr. Anja Busse, die Gender-Seminare leitet (Buch: "Zicken unter sich", Orell Füssli,
24 Euro). Wenn man dann nicht mehr so aufgewühlt ist, kann man mit der Kollegin reden.
"Dabei ist es aber keine gute Idee, sie direkt darauf anzusprechen, dass sie destruktiv
rivalisiert: Da ihr das oft nicht bewusst ist, fühlt sie sich dann vielleicht zu
Unrecht angegriffen. Stattdessen sollte man seine Gefühle in Ich-Botschaften verpacken
- konkret sagen, womit man nicht klarkommt." Das schafft eine angenehmere Gesprächssituation.
Annette Kuhn* musste zu einer weiteren Strategie greifen. Als die Juristin ihre neue
Stelle als Leiterin einer Rechtsabteilung antrat, stellte sie verblüfft fest, dass
sie eine Konkurrentin hatte: "Mein Job war eine Weile nicht besetzt gewesen, da hatte
sich eine Mitarbeiterin zur inoffiziellen Chefin aufgeschwungen." Nun war die
Selfmade-Führungskraft nicht bereit, sich unterzuordnen: "Sie hörte nicht auf meine
Anweisungen und delegierte Aufgaben, die ich ihr gab, einfach an Kollegen." Wenn
Annette Kuhn versuchte, mit der Frau zu reden, fand diese Ausreden: "Ich musste
delegieren, die Zeit war knapp!" Oder wurde aggressiv: "Sie sind ein Kontrollfreak!"
Allmählich war die ganze Abteilung verwirrt, die Atmosphäre gereizt - und Annette
Kuhn begann, an ihrer Durchsetzungskraft zu zweifeln.
In ihrer Not wandte sie sich an eine erfahrene ältere Mitarbeiterin aus einer
anderen Abteilung, und sie führten ein Gespräch zu dritt. "Sie vermittelte zwischen
uns. Da sie nicht direkt am Konflikt beteiligt war, fühlte sich meine Kollegin von
ihr nicht so stark angegriffen." Und das Gespräch endete damit, dass die Kollegin
sich bei Annette Kuhn für alles entschuldigte.
Bin ich ein Kontrollfreak?
Nicht nur Kolleginnen kommen als Vermittler in Frage, sondern auch andere,
neutrale Außenstehende. Nur der Chef oder die Chefin sind für diese Rolle
nicht immer geeignet, da sich Rivalitätsprobleme in einer Firma häufig gerade
dann entwickeln, wenn die Führungsperson schwach ist. "Der erste Schritt sollte
aber immer sein, die Sache mit der Konkurrentin allein unter vier Augen zu klären",
sagt der Psychologe Oehler.
Das erfordert Mut, wenn man von Kindheit an auf Harmonie getrimmt wurde. Wenn
die Scheu groß ist, den eigenen Willen gegen denjenigen einer anderen Frau zu
stellen. Doch was wäre die Alternative? Dass wir uns weiter untereinander bekriegen,
Energie rauben und klein halten? Während so mancher Mann feixend Karriere macht -
und dabei ein paar Witze über Zickenkriege reißt?
Hier finden Sie Infos und Hilfe
- Konnekt self & management: » www.konnekt-berlin.de
- Institut für Gender, Moderation & Kommunikation: » www.institut-gmk.de
- Anja Busse: » www.interfemininekonflikte.de
- Kurt Theodor Oehler: » www.k-t-oehler.ch
Text: Elke Michel
BRIGITTE Heft 08/2007
*Namen von der Redaktion geändert
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