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Betritt eine fremde Frau eine Partygesellschaft, wird sie
dern prüfenden Blick ihrer Geschlechtsgenossinnen kaum
ausweichen können. "Wer bist du?", fragen stumme
Blicke." Bist du berufstätig? Hast du Kinder, Mann,
Haus?"
Abschätzig mustern Frauen die Figur der Neuen und berechnen
daraus, wie viele Joggingkilometer diese in der Woche wohl
schon zurückgelegt hat. Abschließend wird die Kleidung
einer eingehenden Prüfung unterzogen. lm Grunde dreht
sich bei diesern Kurzcheck alles nur um die Frage: Hat sie
vielleicht etwas, was ich nicht habe? Die meisten Frauen kennen
diese unguten Momente aufkeimender Konkurrenz genauso wie
die latente Angst, eine potenzielle Kontrahentin könnte
die Bühne des eigenen Lebens betreten.
Doch über weibliche Rivalität spricht kaum jemand.
Die moralische Verpflichtung zu Frauensolidarität und
Girlpower verbietet Gefühle von Ablehnung und Neid. Kein
Wunder: Wird eine Konkurrenzsituation zwischen Frauen einmal
offensichtlich, wie etwa im Wettbewerb der deutschen Eisschnellläuferinnen
Anni Friesinger und Claudia Pechstein, dann wird der sportliche
Schlagabtausch um Platz eins hämisch zum "Zickenduell"
inszeniert.
"Rivalität zwischen Frauen ist eine Tatsache",
leitet die amerikanische Journalistin und Newsday-Kolumnistin
Leora Tanenbaum ihr nun auf Deutsch erschienenes Buch Catfight
ein. Doch während bei den Männern in Job oder Sport
durchaus eine gute Portion Konkurrenzverhalten erwartet wird,
ist Rivalität unter Frauen gesellschaftlich nicht vorgesehen.
lm Grunde wissen es alle Frauen längst: lm Leben von
Frauen gibt es kaum einen Bereich, der nicht von dem Wunsch
bestimmt wäre, potenzielle Nebenbuhlerinnen auszustechen.
Wer ist die Schönste im ganzen Land? Wer hat die bravsten
Kinder? Wer nennt den saubersten Haushalt sein Eigen? Frauen
wetteifern urn den schlanksten Körper und den perfekten
Partner. Sie wetteifern um den interessantesten oder bestbezahlten
Beruf und versuchen sich darin zu übertrumpfen, wer die
beste Mutter ist. Obwohl durchaus mit harten Bandagen gekämpft
wird und viele Frauen Rivalität als partiell sehr schmerzlich
erleben, bleiben Konkurrenzsituationen unter Frauen von der
Umwelt meist unbemerkt. In welchen Situationen rivalisieren
Frauen? Und warum so ganz anders als Männer?
Was eine Frau darf und was nicht, lernen Mädchen schon
in frühen Jahren. "Ein gutes Mädchen",
schreibt Peggy Orenstein in ihrem Buch Starke Mädchen,
brave Mädchen, "ist in erster Linie nett. Diese
Eigenschaft ist wichtiger als Kraft, Intelligenz, ja sogar
Ehrlichkeit." Aggressivität ist im Persönlichkeitsprofil
eines "guten" Mädchens nicht vorgesehen:"Aggression
gefährdet eine Beziehung, denn wie kann ein aggressives
Mädchen gleichzeitig fürsorglich und nett sein?",
fragt auch Rachel Simmons in ihrem Buch Meine beste Feindin,
für das sie 300 Interviews mit Mädchen zwischen
10 und 14 Jahren geführt hat, und schlussfolgert: "Die
wahre Bedeutung des Wortes ,nett' lautet: Nicht aggressiv.
Nicht wütend. Nicht kämpferisch." Natürlich
sind auch Mädchen wütend. Doch damit das Konzept
der "Nettigkeit" nicht auffliegt, verlegen sich
viele Mädchen auf Spielarten indirekter Aggression: vernichtende
Blicke, Gerüchte und Verleumdungen, soziale Ausgrenzung
oder demonstratives Schweigen gehören zu den bewährten
Rivalitätsstrategien unter Mädchen. Mit großen
Folgen für die Opfer: "Mädchen zerstören
einen von innen her!", fasst eine Betroffene in Simmons'
Buch zusammen.
"Niemand kann dich so demütigen wie eine Geschlechtsgenossin."
Auch die amerikanische Psychologin und Frauenforscherin Phyllis
Chesler stellt an den Anfang ihres Buches Woman´s
inhumanity to woman ein Zitat, das darauf verweist, wie
tief die Verletzungen sind, die sich Mädchen und Frauen
gegenseitig zufügen. Neben der gesellschaftlichen Forderung
nach dem "netten" Mädchen sieht Chesler, die
für ihr Buch über 20 jahre lang mehr als 500 Interviews
geführt und Studien ausgewertet hat, in dem weiblichen
Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit einen wichtigen
Grund dafür, dass diese erbitterten und im verborgenen
stattfindenden Gefechte zwischen Mädchen überhaupt
möglich sind.
Während Jungs ihre Position in der Gruppe offensiv und
lautstark ausfechten und ansonsten eher ihre Beziehungen einem
gemeinsamen Ziel unterordnen, definieren sich Mädchen,
so belegen Studien, innerhalb einer Gruppe weniger nach ihrem
hierarchischen Rang als nach dem Grad der Akzeptanz und Zugehörigkeit:
"Zugehörigkeit ist für Mädchen zentral.
Um dazuzugehören, muss jedes Mädchen die Erwartungen
der Gruppe erfüllen, darf diese aber nicht überschreiten."
Dieser Zugehörigkeit versichern sich Mädchen immer
wieder durch gegenseitige tiefe Einblicke ins Seelenleben,
aber auch durch den Druck, möglichst gleich zu sein:
in Aussehen und Kleidung, Hobbys und Ansichten. Der Ausschluss
aus dieser Gruppe der identitätsstiftenden Gleichgesinnten
wäre für das beziehungsfixierte Mädchen ein
Todesstoß. In diesem Klima gegenseitiger Rückversicherung
ist offene Konkurrenz eine existenzielle Bedrohung. Die britische
Psychologin Anne Campell bemerkt dazu, "dass Mädchen
es nicht mögen, wenn ein Mädchen ein positives Selbstbild
hat oder sich explizit mit anderen vergleicht". Auch
eine sich wie auch immer äußernde Andersartigkeit
wird als Verrat am Gleichheitsgedanken empfunden: Chesler
zitiert die Ergebnisse einer kanadischen Studie, in der sich
zeigte, "dass Mädchen verärgert sind, wenn
ihre Freundinnen ihnen in irgendeiner Hinsicht überlegen
sind". Mädchen, die die selbst auferlegte Uniformierung
der Gruppe oder des Zweiergespanns verlassen, können
von einer Sekunde zur nächsten von der besten Freundin
zur gehassten Rivalin werden.
Die Schwüre ewiger Treue, gefolgt vom Getuschel hinterm
Rücken - fast jede erwachsene Frau hat als Kind einschlägige
Erfahrungen gemacht mit dem typischen Mix aus Verbundenheit
und Verstossenwerden in weiblichen Beziehungen. Manchmal war
sie Täterin, manchmal Opfer. Wie Simmons anhand von 50
Interviews illustriert, die sie mit erwachsenen Frauen in
der Rückschau führte, bleiben die tiefen Verletzungen,
die sich Mädchen zufügen, oft ein Leben lang unverarbeitet
und führen nachhaltig zu einem diffusen, aber unbeirrbaren
Misstrauen gegenüber anderen Frauen. Damit nicht genug:
Auch bei erwachsenen Frauen wirkt das Prinzip der Zugehörigkeit
weiter. Sie kennen die Ängste vor Ausschluss und Verlust
genauso wie die Neigung, mit anderen Frauen wegen ihrer Andersartigkeit
zu rivalisieren. Allerdings zeigt sich die Rivalität
erwachsener Frauen weniger in der rigorosen Ablehnung von
allem, was zwei Frauen verschieden macht, sondern subtiler
in der Rivalisierung um das "bessere" Lebensmodell.
Treffen etwa zwei Mütter aufeinander, von denen die eine
berufstätig ist und die andere nicht, dann bestimmen
häufig zunächst Rivalitätsgefühle die
ersten Momente dieser Begegnung. "Die andere ist zwar
berufstätig, dafür habe ich mehr Zeit für meine
Kinder", denkt die Hausfrau. Und die Berufstätige
denkt sich vielleicht, dass es bestimmt besser ist, eine glückliche
Mutter zu haben, die öfter nicht da ist, als eine frustrierte
Mutter, die den ganzen Tag in der Wohnung sitzt, erklärt
Marion Bredebusch vom Saarbrücker Institut für
Gender, Moderation und Kommunikation, die Seminare zum Thema
Frauen und Konkurrenz abhält. Ob junge auf ältere
Frauen treffen, kinderlose auf Mütter, Städterinnen
auf Landbewohner - das Prinzip ist laut Bredebusch immer das
Gleiche: "Frauen werten andere Frauen ab, um sich selbst
aufzuwerten."
"Dass wir einander als Rivalinnen empfinden, liegt an
unserer unklaren gesellschafflichen Position", lautet
der Erklärungsansatz von Leora Tanenbaum. Einerseits
lassen sich viele Frauen immer noch von der Vorstellung der
"guten Partie" leiten, die nur diejenige macht,
die am schönsten und anpassungsfähigsten ist. Andererseits
beschert die moderne Gesellschaft den Frauen deutlich größere
Handlungsspielräume als früher, zumindest theoretisch.
Anschmiegsam, sexy und zielorientiert sollen Frauen heutzutage
sein. Die Gleichzeitigkeit traditioneller und progressiver
Rollenerwartungen überfordert viele und macht sie deshalb
anfällig für neiderfüllte Vergleiche mit scheinbar
multitalentierten Geschlechtsgenossinnen:
"Rivalitäten sind das Ventil für die Unvereinbarkeiten
im Leben moderner Frauen", erläutert Tanenbaum.
Nun richtet sich der Groll über die zwiespältigen
gesellschaftlichen Anforderungen an Frauen nicht etwa gegen
die Männer, sondern gegen die Rivalin, die es vermeintlich
schafft, "den Wettbewerb um das Höchstmaß
an Weiblichkeit zu gewinnen", so Tanenbaum.
Während sich Frauen in Nebenschauplätzen verzetteln
und ihre Energien verschleißen, bleibt das männerdominierte
Establishment weiterhin fest im Sattel: "Dank der Rivalität
zwischen Frauen haben mächtige Männer die Möglichkeit,
ihre hochdotierten Posten in den Konzernen, im Gesundheitswesen
und in Justiz, Politik und Militär für sich zu behalten"
konstatiert Tanenbaum. Die Frauen hingegen bleiben im gesellschaftlich
auferlegten Dilemma stecken: "Um wahrhaft weiblich zu
sein, müssen Frauen konkurrieren, während sie es
gleichzeitig nicht dürfen, da Konkurrenz ja etwas Unweibliches
ist." Um Souveranität bemüht, verfolgen viele
Frauen daher angespannt die Lebensäußerungen ihrer
Geschlechtsgenossinnen. Manchmal genügt eine kleine persönliche
Verunsicherung, und Neidgefühle brechen sich Bahn.
Welche Frauen neigen nun besonders dazu, anderen Frauen feindselig
gegenüberzustehen? Die kalifornische Psychologin Gloria
Cowan ist in ihrer Studie Womens hostility toward women
diesen Fragen nachgegangen: In drei verschiedenen Untersuchungen
gaben insgesamt 477 Collegestudentinnen Auskunft über
ihre momentane Lebenszufriedenheit, den Grad an Selbstwirksamkeit
und ihr gesundheitliches Befinden. Erhoben wurde außerdem,
wie stark die Frauen emotional von Männern abhängig
waren. Anschließend gaben die Probandinnen Auskunft
über Rivalitäts- und Feindseligkeitsgefühle
gegenüber anderen Frauen. "Die Daten machen deutlich,
dass Frauen, die sich gegenüber anderen Frauen feindselig
verhalten, ein schwächer ausgeprägtes Selbstwertgefühl
und ein geringeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
haben. Darüber hinaus sind sie weniger optimistisch,
haben eine geringere Lebenszufriedenheit und machen sich mehr
Sorgen um ihr Aussehen als Frauen, die sich nicht ablehnend
gegenüber anderen Frauen verhalten." Außerdem
neigen Frauen, die sich von Männern emotional abhängig
fühlen, auch zu größerer gleichgeschlechtlicher
Rivalität. Die tiefgreifenden Einschnitte in das Wohlbefinden,
die mit den Feindseligkeiten zwischen Frauen einhergehen,
stellt Cowan in einen übergeordneten Zusammenhang: "Wir
gehen davon aus, dass die Feindseligkeiten unter Frauen nicht
nur einen bedeutenden Einfluss auf das persönliche Wohlbefinden,
die Lebensfreude und das Selbstwertgefühl einzelner Frauen
haben, sondern auch dem Erfolg der Frauen als Gruppe im Weg
stehen."
Einer anderen Frau Zugehörigkeit zu gewähren und
trotzdem ihre Individualität zu schätzen, ist ein
Balanceakt, an dem viele Frauen immer noch scheitern. "Frauen
müssen lernen, dass sie verschieden sind und dass genau
diese Verschiedenheit ihre Stärke ausmacht", erklärt
Bredebusch. Statt bestehende Reserviertheiten zu deckeln,
sollten sich Frauen in einem ersten Schritt offen dazu bekennen,
fordert Phyllis Chesler: "Frauen müssen ermutigt
werden, offen und direkt auszudrücken, was sie im Hier
und jetzt denken und fühlen. Sie werden lernen, dass
die Dinge beim Namen zu nennen nicht Missbilligung und Zurückweisung
zur Folge hat."
Wer akzeptiert, dass Konkurrenzsituationen zum Leben einfach
dazugehören, braucht Übungsmöglichkeiten für
den offenen, spielerisch-fairen Schlagabtausch. In Firmen,
so konnten arnerikanische Studien zeigen, in denen es bereits
viele Frauen in den Führungsetagen gibt, war das Ansehen
der Chefinnen unter den dort arbeitenden weiblichen Beschäftigten
deutlich besser als in männerdominierten Unternehmen,
in denen es nur einige wenige Frauen an die Spitze geschafft
hatten. Die Solidarität unter Frauen hängt entscheidend
davon ab, wie viele Chancen und Lebensmodelle jeder einzelnen
Frau gesellschaftlich zur Verfügung stehen: "Wenn
Frauen die Möglichkeit hätten, sich ein größeres
Stück vom Kuchen zu erarbeiten, hätten sie es nicht
nötig, miteinander um die Krümel zu wetteifern",
schließt Tanenbaum.
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