Aktuelles
 
Home    Das Institut    Angebot    Aktuelle Seminare    Publikationen   e-mail
Presse    Fotogalerie    Impressum    Haftungsausschluss  
 
 

Psychologie heute, 11/2004, S. 42-45

Rivalinnen

© Foto: OettingerEine gute Portion Konkurrenzverhalten wird von vielen Männern im Beruf oder Sport erwartet. Demgegenüber gilt weibliche Rivalität häufig als wenig gesellschaftsfähig. In welchen Situationen konkurrieren Frauen miteinander? Und warurn verhalten sie sich dabei ganz anders als Männer?

Betritt eine fremde Frau eine Partygesellschaft, wird sie dern prüfenden Blick ihrer Geschlechtsgenossinnen kaum ausweichen können. "Wer bist du?", fragen stumme Blicke." Bist du berufstätig? Hast du Kinder, Mann, Haus?"

Abschätzig mustern Frauen die Figur der Neuen und berechnen daraus, wie viele Joggingkilometer diese in der Woche wohl schon zurückgelegt hat. Abschließend wird die Kleidung einer eingehenden Prüfung unterzogen. lm Grunde dreht sich bei diesern Kurzcheck alles nur um die Frage: Hat sie vielleicht etwas, was ich nicht habe? Die meisten Frauen kennen diese unguten Momente aufkeimender Konkurrenz genauso wie die latente Angst, eine potenzielle Kontrahentin könnte die Bühne des eigenen Lebens betreten.
Doch über weibliche Rivalität spricht kaum jemand. Die moralische Verpflichtung zu Frauensolidarität und Girlpower verbietet Gefühle von Ablehnung und Neid. Kein Wunder: Wird eine Konkurrenzsituation zwischen Frauen einmal offensichtlich, wie etwa im Wettbewerb der deutschen Eisschnellläuferinnen Anni Friesinger und Claudia Pechstein, dann wird der sportliche Schlagabtausch um Platz eins hämisch zum "Zickenduell" inszeniert.

"Rivalität zwischen Frauen ist eine Tatsache", leitet die amerikanische Journalistin und Newsday-Kolumnistin Leora Tanenbaum ihr nun auf Deutsch erschienenes Buch Catfight ein. Doch während bei den Männern in Job oder Sport durchaus eine gute Portion Konkurrenzverhalten erwartet wird, ist Rivalität unter Frauen gesellschaftlich nicht vorgesehen. lm Grunde wissen es alle Frauen längst: lm Leben von Frauen gibt es kaum einen Bereich, der nicht von dem Wunsch bestimmt wäre, potenzielle Nebenbuhlerinnen auszustechen. Wer ist die Schönste im ganzen Land? Wer hat die bravsten Kinder? Wer nennt den saubersten Haushalt sein Eigen? Frauen wetteifern urn den schlanksten Körper und den perfekten Partner. Sie wetteifern um den interessantesten oder bestbezahlten Beruf und versuchen sich darin zu übertrumpfen, wer die beste Mutter ist. Obwohl durchaus mit harten Bandagen gekämpft wird und viele Frauen Rivalität als partiell sehr schmerzlich erleben, bleiben Konkurrenzsituationen unter Frauen von der Umwelt meist unbemerkt. In welchen Situationen rivalisieren Frauen? Und warum so ganz anders als Männer?

Was eine Frau darf und was nicht, lernen Mädchen schon in frühen Jahren. "Ein gutes Mädchen", schreibt Peggy Orenstein in ihrem Buch Starke Mädchen, brave Mädchen, "ist in erster Linie nett. Diese Eigenschaft ist wichtiger als Kraft, Intelligenz, ja sogar Ehrlichkeit." Aggressivität ist im Persönlichkeitsprofil eines "guten" Mädchens nicht vorgesehen:"Aggression gefährdet eine Beziehung, denn wie kann ein aggressives Mädchen gleichzeitig fürsorglich und nett sein?", fragt auch Rachel Simmons in ihrem Buch Meine beste Feindin, für das sie 300 Interviews mit Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren geführt hat, und schlussfolgert: "Die wahre Bedeutung des Wortes ,nett' lautet: Nicht aggressiv. Nicht wütend. Nicht kämpferisch." Natürlich sind auch Mädchen wütend. Doch damit das Konzept der "Nettigkeit" nicht auffliegt, verlegen sich viele Mädchen auf Spielarten indirekter Aggression: vernichtende Blicke, Gerüchte und Verleumdungen, soziale Ausgrenzung oder demonstratives Schweigen gehören zu den bewährten Rivalitätsstrategien unter Mädchen. Mit großen Folgen für die Opfer: "Mädchen zerstören einen von innen her!", fasst eine Betroffene in Simmons' Buch zusammen.

"Niemand kann dich so demütigen wie eine Geschlechtsgenossin." Auch die amerikanische Psychologin und Frauenforscherin Phyllis Chesler stellt an den Anfang ihres Buches Woman´s inhumanity to woman ein Zitat, das darauf verweist, wie tief die Verletzungen sind, die sich Mädchen und Frauen gegenseitig zufügen. Neben der gesellschaftlichen Forderung nach dem "netten" Mädchen sieht Chesler, die für ihr Buch über 20 jahre lang mehr als 500 Interviews geführt und Studien ausgewertet hat, in dem weiblichen Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit einen wichtigen Grund dafür, dass diese erbitterten und im verborgenen stattfindenden Gefechte zwischen Mädchen überhaupt möglich sind.

Während Jungs ihre Position in der Gruppe offensiv und lautstark ausfechten und ansonsten eher ihre Beziehungen einem gemeinsamen Ziel unterordnen, definieren sich Mädchen, so belegen Studien, innerhalb einer Gruppe weniger nach ihrem hierarchischen Rang als nach dem Grad der Akzeptanz und Zugehörigkeit: "Zugehörigkeit ist für Mädchen zentral. Um dazuzugehören, muss jedes Mädchen die Erwartungen der Gruppe erfüllen, darf diese aber nicht überschreiten."

Dieser Zugehörigkeit versichern sich Mädchen immer wieder durch gegenseitige tiefe Einblicke ins Seelenleben, aber auch durch den Druck, möglichst gleich zu sein: in Aussehen und Kleidung, Hobbys und Ansichten. Der Ausschluss aus dieser Gruppe der identitätsstiftenden Gleichgesinnten wäre für das beziehungsfixierte Mädchen ein Todesstoß. In diesem Klima gegenseitiger Rückversicherung ist offene Konkurrenz eine existenzielle Bedrohung. Die britische Psychologin Anne Campell bemerkt dazu, "dass Mädchen es nicht mögen, wenn ein Mädchen ein positives Selbstbild hat oder sich explizit mit anderen vergleicht". Auch eine sich wie auch immer äußernde Andersartigkeit wird als Verrat am Gleichheitsgedanken empfunden: Chesler zitiert die Ergebnisse einer kanadischen Studie, in der sich zeigte, "dass Mädchen verärgert sind, wenn ihre Freundinnen ihnen in irgendeiner Hinsicht überlegen sind". Mädchen, die die selbst auferlegte Uniformierung der Gruppe oder des Zweiergespanns verlassen, können von einer Sekunde zur nächsten von der besten Freundin zur gehassten Rivalin werden.

Die Schwüre ewiger Treue, gefolgt vom Getuschel hinterm Rücken - fast jede erwachsene Frau hat als Kind einschlägige Erfahrungen gemacht mit dem typischen Mix aus Verbundenheit und Verstossenwerden in weiblichen Beziehungen. Manchmal war sie Täterin, manchmal Opfer. Wie Simmons anhand von 50 Interviews illustriert, die sie mit erwachsenen Frauen in der Rückschau führte, bleiben die tiefen Verletzungen, die sich Mädchen zufügen, oft ein Leben lang unverarbeitet und führen nachhaltig zu einem diffusen, aber unbeirrbaren Misstrauen gegenüber anderen Frauen. Damit nicht genug: Auch bei erwachsenen Frauen wirkt das Prinzip der Zugehörigkeit weiter. Sie kennen die Ängste vor Ausschluss und Verlust genauso wie die Neigung, mit anderen Frauen wegen ihrer Andersartigkeit zu rivalisieren. Allerdings zeigt sich die Rivalität erwachsener Frauen weniger in der rigorosen Ablehnung von allem, was zwei Frauen verschieden macht, sondern subtiler in der Rivalisierung um das "bessere" Lebensmodell. Treffen etwa zwei Mütter aufeinander, von denen die eine berufstätig ist und die andere nicht, dann bestimmen häufig zunächst Rivalitätsgefühle die ersten Momente dieser Begegnung. "Die andere ist zwar berufstätig, dafür habe ich mehr Zeit für meine Kinder", denkt die Hausfrau. Und die Berufstätige denkt sich vielleicht, dass es bestimmt besser ist, eine glückliche Mutter zu haben, die öfter nicht da ist, als eine frustrierte Mutter, die den ganzen Tag in der Wohnung sitzt, erklärt Marion Bredebusch vom Saarbrücker Institut für Gender, Moderation und Kommunikation, die Seminare zum Thema Frauen und Konkurrenz abhält. Ob junge auf ältere Frauen treffen, kinderlose auf Mütter, Städterinnen auf Landbewohner - das Prinzip ist laut Bredebusch immer das Gleiche: "Frauen werten andere Frauen ab, um sich selbst aufzuwerten."

"Dass wir einander als Rivalinnen empfinden, liegt an unserer unklaren gesellschafflichen Position", lautet der Erklärungsansatz von Leora Tanenbaum. Einerseits lassen sich viele Frauen immer noch von der Vorstellung der "guten Partie" leiten, die nur diejenige macht, die am schönsten und anpassungsfähigsten ist. Andererseits beschert die moderne Gesellschaft den Frauen deutlich größere Handlungsspielräume als früher, zumindest theoretisch. Anschmiegsam, sexy und zielorientiert sollen Frauen heutzutage sein. Die Gleichzeitigkeit traditioneller und progressiver Rollenerwartungen überfordert viele und macht sie deshalb anfällig für neiderfüllte Vergleiche mit scheinbar multitalentierten Geschlechtsgenossinnen:

"Rivalitäten sind das Ventil für die Unvereinbarkeiten im Leben moderner Frauen", erläutert Tanenbaum. Nun richtet sich der Groll über die zwiespältigen gesellschaftlichen Anforderungen an Frauen nicht etwa gegen die Männer, sondern gegen die Rivalin, die es vermeintlich schafft, "den Wettbewerb um das Höchstmaß an Weiblichkeit zu gewinnen", so Tanenbaum.

Während sich Frauen in Nebenschauplätzen verzetteln und ihre Energien verschleißen, bleibt das männerdominierte Establishment weiterhin fest im Sattel: "Dank der Rivalität zwischen Frauen haben mächtige Männer die Möglichkeit, ihre hochdotierten Posten in den Konzernen, im Gesundheitswesen und in Justiz, Politik und Militär für sich zu behalten" konstatiert Tanenbaum. Die Frauen hingegen bleiben im gesellschaftlich auferlegten Dilemma stecken: "Um wahrhaft weiblich zu sein, müssen Frauen konkurrieren, während sie es gleichzeitig nicht dürfen, da Konkurrenz ja etwas Unweibliches ist." Um Souveranität bemüht, verfolgen viele Frauen daher angespannt die Lebensäußerungen ihrer Geschlechtsgenossinnen. Manchmal genügt eine kleine persönliche Verunsicherung, und Neidgefühle brechen sich Bahn.

Welche Frauen neigen nun besonders dazu, anderen Frauen feindselig gegenüberzustehen? Die kalifornische Psychologin Gloria Cowan ist in ihrer Studie Womens hostility toward women diesen Fragen nachgegangen: In drei verschiedenen Untersuchungen gaben insgesamt 477 Collegestudentinnen Auskunft über ihre momentane Lebenszufriedenheit, den Grad an Selbstwirksamkeit und ihr gesundheitliches Befinden. Erhoben wurde außerdem, wie stark die Frauen emotional von Männern abhängig waren. Anschließend gaben die Probandinnen Auskunft über Rivalitäts- und Feindseligkeitsgefühle gegenüber anderen Frauen. "Die Daten machen deutlich, dass Frauen, die sich gegenüber anderen Frauen feindselig verhalten, ein schwächer ausgeprägtes Selbstwertgefühl und ein geringeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben. Darüber hinaus sind sie weniger optimistisch, haben eine geringere Lebenszufriedenheit und machen sich mehr Sorgen um ihr Aussehen als Frauen, die sich nicht ablehnend gegenüber anderen Frauen verhalten." Außerdem neigen Frauen, die sich von Männern emotional abhängig fühlen, auch zu größerer gleichgeschlechtlicher Rivalität. Die tiefgreifenden Einschnitte in das Wohlbefinden, die mit den Feindseligkeiten zwischen Frauen einhergehen, stellt Cowan in einen übergeordneten Zusammenhang: "Wir gehen davon aus, dass die Feindseligkeiten unter Frauen nicht nur einen bedeutenden Einfluss auf das persönliche Wohlbefinden, die Lebensfreude und das Selbstwertgefühl einzelner Frauen haben, sondern auch dem Erfolg der Frauen als Gruppe im Weg stehen."

Einer anderen Frau Zugehörigkeit zu gewähren und trotzdem ihre Individualität zu schätzen, ist ein Balanceakt, an dem viele Frauen immer noch scheitern. "Frauen müssen lernen, dass sie verschieden sind und dass genau diese Verschiedenheit ihre Stärke ausmacht", erklärt Bredebusch. Statt bestehende Reserviertheiten zu deckeln, sollten sich Frauen in einem ersten Schritt offen dazu bekennen, fordert Phyllis Chesler: "Frauen müssen ermutigt werden, offen und direkt auszudrücken, was sie im Hier und jetzt denken und fühlen. Sie werden lernen, dass die Dinge beim Namen zu nennen nicht Missbilligung und Zurückweisung zur Folge hat."

Wer akzeptiert, dass Konkurrenzsituationen zum Leben einfach dazugehören, braucht Übungsmöglichkeiten für den offenen, spielerisch-fairen Schlagabtausch. In Firmen, so konnten arnerikanische Studien zeigen, in denen es bereits viele Frauen in den Führungsetagen gibt, war das Ansehen der Chefinnen unter den dort arbeitenden weiblichen Beschäftigten deutlich besser als in männerdominierten Unternehmen, in denen es nur einige wenige Frauen an die Spitze geschafft hatten. Die Solidarität unter Frauen hängt entscheidend davon ab, wie viele Chancen und Lebensmodelle jeder einzelnen Frau gesellschaftlich zur Verfügung stehen: "Wenn Frauen die Möglichkeit hätten, sich ein größeres Stück vom Kuchen zu erarbeiten, hätten sie es nicht nötig, miteinander um die Krümel zu wetteifern", schließt Tanenbaum.

Anja Krumpholz-Reichel  

 

 

 

 

 

 

Dies ist ein Browser-Test. Wenn Sie diesen Text lesen können, setzen Sie bitte die Hintergrundfarbe Ihres Browsers auf weiß. Dies ist ein Browser-Test. Wenn Sie diesen Text lesen können, setzen Sie bitte die Hintergrundfarbe Ihres Browsers auf weiß. Dies ist ein Browser-Test. Wenn Sie diesen Text lesen können, setzen Sie bitte die Hintergrundfarbe Ihres Browsers auf weiß.

 

 

 

Home >> Presse

     

 

 
Presseberichte